Ich möchte hier gerne unseren Weg beschreiben, welchen wir gegangen sind; von der Diagnose, ein Kind mit einer LKG-Spalte zu bekommen, bis hin zur Operation unseres Sohnes Mauro. Es ist ein spezieller Weg den wir gegangen sind, nicht immer einfach, aber immer intensiv und sehr lehrreich an Erfahrungen. 

 

Feststellen der Spalte und Entschluss zur Hausgeburt 

Bei meiner zweiten Ultraschalluntersuchung in der 24. Woche entdeckte die Gynäkologin, dass unser Kind eine Spalte in der Lippe hat. Bisher war die Schwangerschaft problemlos verlaufen. Wir haben die üblichen Kontrollen bei einer Hebamme machen lassen und eine Hausgeburt zusammen mit ihr geplant, da unser erstes Kind bereits zu Hause geboren worden war.

Erst einmal brach für uns eine Welt zusammen. Viele Fragen nach dem "Warum" tauchten auf, Schuldgefühle kamen hoch insbesondere da die Gynäkologin mich gerügt hatte, zu spät mit der Einnahme von Folsäure begonnen zu haben.

Ich machte mich dann auf die Suche nach Infos, was eine LKG überhaupt ist, was da auf uns zukommen würde…

Zwei Wochen später wurden im Kantonsspital erneut Ultraschalluntersuchungen durchgeführt, welche ich als sehr schlimm empfand, da unser Kind nur noch nach "Fehlbildungen" abgesucht wurde. Glücklicherweise begleitete uns immer unsere Hebamme, welche uns in dieser Situation sehr unterstützt hat. Von Seiten der Gynäkologen hiess es, eine Hausgeburt sei überhaupt nicht empfehlenswert, da das Kind nach der Geburt eine Magensonde brauche und auf die Kinderklinik verlegt werden müsse. Das war für uns dann der nächste Schock. So hatten wir uns die Geburt überhaupt nicht vorgestellt, vor allem die Trennung von Mutter und Kind störte uns sehr.

Wieder zu Hause wurde ich im Internet auf das deutsche Spalten-Forum aufmerksam, wo ich auch gleich eine Mutter fand, die ihr Kind mit Spalte zu Hause geboren hatte. Das gab mir wieder etwas Hoffnung. Zur gleichen Zeit nahm unsere Hebamme Kontakt zu der Stillberaterin auf, welche Eltern mit Spalt-Kindern betreut. Auch diese ermutigte uns zu einer Hausgeburt und war sofort bereit, uns zu unterstützen. Als uns der Chirurg, der unser Kind später operieren sollte, sagte, dass man ein Kind mit einer LKG, solange es keine weitern Fehlbildungen hat, behandeln kann wie jedes andere auch, war die Sache für uns klar.

Hausgeburt, anfängliches Stillen und Fingerfeeding

Am 7. September 2009 konnten wir unseren Sohn Mauro dann nach einer kurzen und problemlosen Geburt zu Hause in die Arme schliessen.

Kurze Zeit später traf auch die Stillberaterin ein. Nach dem ersten Beschnuppern und Nuckeln von Mauro an meiner Brust zeigte sie mir, wie ich das Kolostrum (die erste Milch) ausstreichen konnte, welches sie dann in einer Spritze sammelte. Dieses Kolostrum gaben wir Mauro dann per Fingerfeeding, was auf Anhieb sehr gut klappte.

Am folgenden Morgen wurde Mauro vom Kinderarzt untersucht, der uns dafür extra zu Hause besuchte.

Da Mauro auch einen gespaltenen Gaumen hatte, war mir klar, dass ich ihn nicht durch das Stillen alleine ernähren konnte. Deswegen fing ich bald fleißig an abzupumpen, alle drei Stunden. Immer wieder gab ich Mauro die Brust, er ging sehr gerne daran, hatte aber nach dem Trinken an der Brust noch lange nicht genug (da er durch das fehlende Vakuum die Brust nicht entleeren konnte). Deswegen gab ich ihm danach die abgepumpte Milch mit dem Feeder.

Anpassen der Gaumenplatte, Stillen und Brusternährungsset (BES)

Am dritten Tag fuhr uns die Hebamme zusammen mit der Stillberaterin in eine weiter entfernte Klinik, um die Gaumenplatte anfertigen zulassen. In „unserer Klinik“ hätten sie den Abdruck für die Platte nur unter Vollnarkose, verbunden mit einem zweitägigen Klinikaufenthalt, gemacht. Dies wollten wir auf keinen Fall. Die Fertigung des Abdrucks für die Gaumenplatte verlief Problemlos und ohne Narkose und am Nachmittag konnten wir mitsamt der Platte wieder den Heimweg antreten.

Nach etwa drei Wochen wurde Mauro immer unzufriedener an der Brust. Anscheinend floss ihm zu wenig Milch. Die Stillberaterin brachte mir dann das Brusternährungsset. Damit bekam Mauro mehr Milch und war wieder zufriedener.

Das Stillen in der Zeit vor der Operation

In dieser ersten Zeit bis zur Operation kam ich immer wieder an meine Grenzen. Sei es vor Erschöpfung oder durch die Sorgen, Ängste und Schuldgefühle bezüglich Mauros Spalte. Die Besuche bei einer Therapeutin zusammen mit Mauro haben mir über diese Zeit hinweg geholfen. Dort konnte ich all meine Sorgen und Ängste deponieren und immer wieder neu zu Mauro finden.

Die Nähe, die ich mit Mauro während dem Stillen hatte, das Wissen um die gute Muttermilch die er so bekam und die Hoffnung, ihn nach der Operation normal stillen zu können, motivierten mich weiter zu machen.

Mit 3 Monaten hatte Mauro erneut genug von der Brust. Das Brusternährungsset gab einfach zuwenig schnell Milch ab und er wurde ungeduldig und quengelig. So habe ich ihm etwa zwei Wochen die Milch mit einem Feeder in den Mund gespritzt, während er an der Brust war. So bekam er genügend Milch, für mich aber war es sehr umständlich. Zu dieser Zeit bekam ich von einer deutschen Mutter den Tipp, ein Loch in die Flasche des Brusternährungssets zu machen, damit die Milch schneller rausfliesst. Dank diesem Tipp wurde unsere Stillbeziehung erneut sehr erleichtert und so kamen ich und Mauro wieder besser mit dem Brusternährungsset zurecht.

Da ich inzwischen sehr viel Milch hatte, musste ich nur noch viermal am Tag abpumpen, was unseren Alltag etwas erleichterte.

Durch den Tag habe ich Mauro jeweils so an der Brust „gestillt“, in der Nacht hat ihn mein Mann „gefeedet". Die Haberman-Flasche wollte ich nicht verwenden, da ich befürchtete, dass Mauro danach die Brust ablehnen würde. Das Stillen war mir einfach zu wichtig und wir kamen mit dem Feeden relativ gut zurecht. Auch wenn wir mal unterwegs waren und ich nicht den Raum zum „Stillen“ hatte, haben wir ihm die Milch mit dem Finger gegeben, was problemlos ging. Allerdings haben wir dafür mit der Zeit ein ganz eigenes Handling entwickelt, mein Mann konnte Mauro so füttern und sogar die Grossmutter.

Für mich war das eine sehr strenge und intensive Zeit. Das Abpumpen brauchte viel Energie, das Stillen mit dem Brusternährungsset viel Zeit und daneben musste auch noch mein grösserer Sohn versorgt werden. Hätte ich da nicht soviel Unterstützung von meinem Mann und meiner Mutter, welche alle zwei Tage vorbei kam und aushalf wo sie konnte, gehabt, ich weiss nicht ob ich das alles so geschafft hätte.

Die Operation: Einzeitiger Verschluss der Spalte und "echtes" Stillen

Nachdem der Operationstermin zweimal verschoben werden musste, was uns erneut  einer grossen Belastungsprobe aussetzte (sei es aus emotionalen sowie organisatorischen Gründen), wurde Mauro mit sieben Monaten endlich operiert. Mauro`s Gaumen, der Kiefer und die Lippe wurden in einer Operation verschlossen. Nach der gut verlaufenden Operation blieben wir sechs Tage in der Klinik. Während diesen sechs Tagen hatte er eine Verbandsplatte im Mund, was ihm das Trinken gleich nach der Operation ermöglichen sollte (ohne dass er eine Magensonde benötigte). Allerdings mochte Mauro nur wenig trinken, da er auch durch die Infusion Flüssigkeit bekam. Von der Brust wollte er vorerst gar nichts wissen. Am sechsten Tag wurde diese Platte entfernt und ich stillte ihn das erste Mal wieder mit dem Brusternährungsset. Bereits da merkte ich, dass er ganz anders an der Brustwarze zog. Ja, er konnte richtig daran ziehen!

Von da an war es wie ein kleines Wunder für mich. Jeden Tag trank er mehr direkt aus meiner Brust und weniger aus dem Brusternährungsset. Kaum zwei Wochen zu Hause konnte ich das Abpumpen einstellen, Mauro trank alles aus meiner Brust!

Wie einfach und entspannt das Stillen nun war, ein richtiger Genuss!

Auch mit dem Operationsergebnis waren und sind wir sehr zufrieden. Mauro erholte sich sehr schnell und als die Rötung der Narbe zurückging, konnte man von seiner Spalte kaum mehr etwas sehen.
Mauro entdeckte zu dieser Zeit auch langsam das Essen, was ihm sehr viel Freude bereitete. Ich stillte Mauro noch bis er 13 Monate alt war und er sich sozusagen selber abstillte.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich Mauro das normale Stillen ermöglichen konnte und sehr froh über all die Umstände, die dieses ermöglicht haben: meine immer gut fliessende Milch, die sehr eindrückliche und problemlose Hausgeburt, die intensive und herzliche Betreuung durch die Hebamme, die kompetente Beratung und ermutigende Unterstützung durch die Stillberaterin, die liebevolle Unterstützung im Alltag durch meinen Mann und meine Mutter, die tolle Arbeit des Chirurgen, die Begleitung durch unseren Kinderarzt und seiner Frau als Therapeutin, die mich immer wieder aufgefangen und ermutigt hat!

Ich möchte mich hier bei all diesen Personen von ganzem Herzen bedanken!

 

Fragen?

Gerne können betroffene Mütter zu mir Kontakt aufnehmen:

Fabienne Martin, Pestalozzistrasse 1, 6032 Emmen, Schweiz
Tel. 0041 41 534 19 81 | E-Mail: sebiampc@gmx.ch

 

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