Kennenlernen und Weg zum Stillen

Paul ist am 2.11.2010 alskräftiges, gesundes Baby zurWelt gekommen. Leider hat er p o s t p a r t a l  

e in e Lungenentzündung entwickelt,die er aber innerhalb weniger T a g e  d a n k  o p t i m a l e r  B e h a n d l u n g  i n  d e r Landesfrauen- und Kinderklinik Linz ohne große Schwierigkeiten überstanden hat. Die ersten Tage mit ihm waren e i n e r s e i t s  v o n  g r o ß e r  Erleichterung geprägt, dass ichtrotz seiner Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (einseitig links) sehr glücklich war, ihn in Händen zu halten,andererseits war die Frage im Raum, wie es gelingen würde, meinen großenWunsch, ihn zu stillen, zu erfüllen. Mein „Minimalziel“ war, dass er Muttermilch bekommen sollte, auf welche Weise auch immer, dass er sie selbst (mit Hilfsmitteln) an der Brust würde trinken können war ein Traum, von dem ich nicht sicher war, ob er erreichbar bzw. im Aufwand vertretbar sein würde. In einem langen Telefonat wenige Tage vor der Entbindung hat Frau Márta Guoth-Gumberger uns auf die wichtigsten ersten Schritte vorbereitet – im Prinzip viele Details, die ich bei meiner Tochter intuitiv beachtet hatte, die aber in Pauls erstenTagen umso wichtiger waren, um ihn so gut wie irgendwie möglich für die Brust zuinteressieren (frühes Anlegen, Brust suchen lassen, Verabreichen von Colostrum mitdem Fingerfeeder, Mutter-Geruch nicht durch Pflegeprodukte verändern etc.). Andererseits war von Anfang an wichtig, mit dem konsequenten Abpumpen zustarten (Ziel 8xtgl.) um die Milchproduktion optimal zu stimulieren. Dies gelang ausgezeichnet, schon in den ersten Tagen habe ich erstaunliche Mengen Colostrum abgepumpt und noch im Spitalkonnte ich mit dem Einfrieren von Muttermilch beginnen, die Paul trotz guter Trinkmengen nichtbewältigen konnte. Er hatte im Rahmen seiner Lungenentzündung (spalt-unabhängig) vom 2. bis 4. Lebenstag eine Magensonde, über die vor meinem mengenmäßigausreichenden Milcheinschuß Fertignahrung verabreicht wurde (danach Muttermilch) – sein Bedarf an Kalorien war durch die Infektion so stark erhöht, dass dieser Schritt notwendig war. Zu Beginn war’s natürlich ein Schrecken, aber rasch war klar, wie unumgänglich das war und letztlich empfand ich es als Erleichterung, da wir so in aller Ruhe Anlegen und Brusttrinken üben konnten, ohne den Anspruch von Anfang an auf diese Weise ausreichend Kalorien zuzuführen. Er hat in diesen ersten Tagen aufgrund der Infektion relativ vielgeschlafen, aber die wachen Minuten haben wir zum Anlegen, Brustsuchen, Nuckeln genutzt –und mit dem Fingerfeeder alles an Muttermilch verabreicht, was da war. 

Ich war von Anfang anerstaunt, wie gut Paul die Brustwarze wider aller Prognosen im Mund halten konnte. Auch ist ihm nirgendwo Milch verlorengegangen, wo sie nicht hingehört.Er hat ganz normal alles schluckenkönnen. Natürlich war kein vergleichbarer Sog da, wie ich ihn von meiner Tochter kannte, die mir schon nach wenigen Stunden die Brust wund gesaugt hatte, aber es war kein bisschen schwierig, ihn anzulegen, er hat die Brust einfach eingezwickt undlosgesaugt.Am vierten Lebenstag war es endlich soweit, die Gaumenplatte wurde eingesetzt. Ich hatte große Erwartungen, dass es ab sofort richtig mit dem Trinken losgehen würde,den Hazelbaker Fingerfeeder hatte ich dafür schon vorbereitet (ähnlich dem Brusternährungsset kann man damit mit angeklebtem Schlauch direkt an der Brust Muttermilch zufüttern). Mithilfe der Stillberaterin der Klinik und einer Kinderschwesterfand dann das herbeigesehnte erste Anlegen mit Platte und Schlauch statt, was miteiniger Mühe auch gelang. Was Paul nicht mehr an der Brust wollte, wurde ihm an diesem Tag noch per Sonde verabreicht. Am Abend hat er sich dann im Rahmen der Pflege die Sonde gezupft,viel früher als ich mich je freiwillig davon verabschiedet hätte (Sicherheitsnetz) – aberwir haben daraufhin beschlossen, ihm ein paar sondenfreie Stunden zu gönnen undsie erst in der Nacht oder spätestens am Morgen neuerlich setzen zu lassen. In dieser Nacht war ich teils recht verzagt mitunserer neuen Fütterungstechnik. Das bis dahinweitgehend mühelose Brustwarzen Schnappen gelang mit Platte nur schlecht, schon gar nicht, wenn die Platte von der Muttermilch glitschigwurde. Er verlor laufend die Brustwarze und mit ihrden Schlauch. Erst am nächsten Morgen habe ich mich an Frau Guoth-Gumbergers Worte erinnert,dass manche Kinder mit Spalte sich ohne Platte leichter tun und habe quasi als letzte Hoffnungeinmal ohne Platte und mit Hazelbaker angelegt. Da ging’s plötzlich wieder viel besser – und weiterkein Verschlucken oder Milch in der Nase oderähnliche Probleme. So haben wir dann den ganzenSamstag recht zufrieden gestillt – das neuerliche Sondensetzen war aufgrund erstaunlicher Gewichtszunahme von Paul nicht mehr nötig!! – bis uns dann am Abend eine weitere wesentliche Erleichterung eingefallen ist. Aus der Not heraus (ich nicht am Zimmer, Telefonat mit Frau Guoth-Gumberger, Paul Heißhunger) hat sich Pauls Vater an die Verabreichung des Colostrums mitFingerfeeder erinnert und ist zur Tat geschritten und hat Pauls ärgsten Hunger sogestillt. Als ich zurück war und die Spritzen mitsamt Fingerfeeder sah, hab ichkurzerhand statt Schlauch mit Klebeband damit an der Brust zugefüttert – und somachen wir’s sehr zufrieden bis heute (mittlerweile mit 4 bereitliegenden gefüllten 20ml Spritzen). Das gesamte Klinikpersonal kam aus dem Staunen nicht mehr heraus – auch wennes sich um eine sehr stillfreundliche Klinik handelt, wo von allen Seiten für unsere Schritte Unterstützung kam, hatte doch keiner damit gerechnet, dass wir Paul ohneFlasche sättigen würden können. Sein Geburtsgewicht hat er am 4. Lebenstagwieder erreicht, und das trotz Infekt!

 

Die ersten Wochen zu Hause

Es i s t sehr g u t zu Hause weitergegangen. Wir waren sovoller Elan und Glück, dass dieErnährung an der Brust klappte,dass wir den dafür notwendigenAufwand gut leisten konnten. Inerster Linie war das Pumpen diegrößte Anstrengung, vor allem inden ersten 4-6 Wochen, wo ichwusste, dass ein hochfrequentesPumpen (Ziel 8xtgl) notwendig war. Meist war ohnehin „nur“ 7x zuschaffen, und nachts aufstehenkonnte ich von Anfang an kaum, dafehlte einfach die Energie. Dafür gelang es entgegen allen Erwartungen prächtig, imLiegen zu Stillen, sprich ich war nicht gezwungen, nachts das Bett zu verlassen (was ich schon während meiner ersten Stillzeit mit Anja sehr zu schätzen wusste). Das ist sicherlich unserem Fingerfeeder-System zu verdanken, mit BES wäre dieses nächtliche Stillen vermutlich weniger komfortabel. Nach 2-3 Wochen kam dann für ein paar Tage ein Energietief – ich spürte wohl den Druck abfallen, ebenso verspätet eine Art Babyblues. Aber bei aller Anstrengung und Tränen, ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, diese Art des Stillens aufzugeben –dafür waren wir viel zu stolz und glücklich, wie gut alles unterm Strich klappte. 

Leider haben sich nach den ersten paar Wochen dann regelmäßige Blähungskolikenin unseren Alltag eingeschlichen. Bis heute hat Paul häufig Bauchschmerzen – aber wir haben uns an alle Tips und Tricks aus Anjas Zeiten erinnert und versuchen so gutes geht lindernd einzuwirken und warten auf die Zeit, wo die Bauchschmerzen inZahnungsschmerzen übergehen (so war’s bei unserer Tochter ;)). Und im großen und ganzen ist Paul von Beginn an trotz seiner Bauchschmerzen ein sehr zufriedenes, ausgeglichenes Baby. Er kann relativ mühelos (bei Bauchweh mit Tragetuch) in lange Phasen des Tiefschlafs finden (4-5h sind keine Ausnahme) und auch in wachen Phasen ist er ganz sichtlich zufrieden.Bis Weihnachten, also knapp 2 Monate habe ich jede Mahlzeit genau protokolliert, zunächst auch täglich, dann 3 tägig gewogen, und natürlich die abgepumpten Milchmengen aufgeschrieben. In engem Kontakt mit Frau Guoth-Gumberger haben wir mittlerweile diese zuerst wichtigen und haltgebenden Aufzeichnungen nach und nach auf ein Minimum reduziert. Mittlerweile wäge ich Paul nur noch alle 2 Wochen, bei Gelegenheit schreibe ich die abgepumpte Tagesmilchmenge mit, ansonsten gibt’s keine Dokumentation.Inzwischen ist auch das Abpumpen wesentlich einfacher geworden – einerseits seitich das Pumpen ohne Hände kenne (Abpumpsets zw. BH und Unterleibchen eingeklemmt), andererseits, seit ich mit 6x Abpumpen auskomme und diesen Rhythmus weitgehend ohne auf die Uhr schauen zu müssen verinnerlicht habe. Natürlich bin ich auch geschickter geworden, Abpumpen und Paul trösten geht schonseit längerem gleichzeitig.

Das helfende Netz

Für mich nicht wegzudenken sind die vielenwohlwollenden und helfenden Menschen um unsherum.Allen voran Pauls Vater, der uns von Anfang an in a l l e n Schritten u n t e r s t ü t z t hat – ohneFamilienzimmer wäre diese positive Entwicklungnicht denkbar gewesen. So war es trotz meinerpostpartalen Erschöpfung und einer Infektion auchmeinerseits möglich, Paul nie aus unserer Näheweggeben zu müssen.Auch Anja, die große stolze Schwester, trägttagtäglich viel zu unserem positiven Alltag bei undvor allem hat sie meine Brust für diese besondereStillsituation vorbereitet. Immerhin hat es sich sonach und nach ergeben, dass sie mit ihren gut 3Jahren immer noch gelegentlich an meiner Brusttrank und so der Milchfluß sicher rascher wieder inGang kam, außerdem war die Brustwarzenformsicher optimal vorbereitet. In den erstenLebenswochen von Paul hat sie dann regelmäßigerals zuvor (aber maximal 1-2mal täglich, mehr wäre mir nicht recht gewesen, hat sieaber auch nicht verlangt) getrunken, inzwischen interessiert sie sich wieder wie zuvoroft tagelang nicht für die Brust, dann doch wieder.Da wir von der Spalte wussten, hatte ich auch Gelegenheit, mich darauf einzustellen,andere Hilfe anzunehmen. Einerseits kam in den ersten 3 Monaten 1x wöchentlicheine Familienhelferin zu uns (Hilfe im Haushalt aber auch bei den Kindern), dieGroßeltern von beiden Seiten und meine Schwester waren auch regelmäßig helfendzur Stelle – von Paul im Schlaf halten (er war von Anfang an einfach glücklicher, wenn er Körperwärme spürte) bis trösten, wenn ich Pumpen musste oder auch so eine Pause brauchte, oder mich mal mit Anja beschäftigen wollte bis diverse andereHilfestellungen im Alltag.Da hatte und habe ich einfach großes Glück, dass von allen Seiten vielUnterstützung da ist und Paul allen gehörig den Kopf verdreht hat.

 

Parallel zum inneren Verarbeitungsprozess ist es mir zum Glück nach und nachgelungen, Infos zu sammeln. Das hat mich dann oft in noch tiefere Krisen gestürzt –eine Stunde lesen (Internet, Bücher), mehrere schlaflose Nächte! Dennoch kannte ich mich mit der Thematik immer mehr aus, habe versucht, mirdarüber klar zu werden, was das für Geburt, Stillen etc. heißt. Im Rahmen dessenhabe ich auch Frau Guoth-Gumberger gefunden – für mich war das Stillen einfachganz oben auf der Prioritätenliste, aufgrund der langen positiven Stillerfahrung mit Anja wollte ich erst recht meinem Baby, das OPs zu verkraften haben würde, das gleiche bieten.Was die medizinischen-operativen Möglichkeiten anbelangt, habe ich

viel gelesen, viel überlegt, telefoniert. Persönlich getroffen habe ich die Chirurgen in Linz und Salzburg und wir haben uns letztlich aus mehreren Gründen für das Zentrum in Salzburg als Pauls Behandler entschieden (allenvoran die Möglichkeit bei den OPs a u f  e i n e r K i n d e r a b t e i l u n g aufgenommen zu sein und nichtauf einer Kieferchirurgie, aber auchdas Gesamtteam).

Immer wieder schiele ich natürlich gerade in Hinblick auf Stillen nach Deutschland und in die Schweiz – aber die Wege sind mir dann doch zu weit, und das Vertrauen in das Salzburger Team so groß, dass wir einfach da bleiben.

 

„Die Spalte“

 Nach vielen teils tiefen Tälern noch während der Schwangerschaft (wir haben etwa 4Monate vor Geburtstermin von der Spaltbildung erfahren) ist es für mich heute ganznormal, dass Paul so geboren ist.Zu Beginn war einfach ein großer Schrecken im Vordergrund, Traurigkeit undeigenes Hadern (warum wir???) – dann aber auch wieder Blick auf die rationaleSeite, es gibt ja soviel Schlimmeres (was man ja von allen Seiten hört –„kann man ja so gut richten“) – was mir aber nur wenig Trost gespendet hat, innerlich. Ich kam tatsächlich recht lange, für meinen Anspruch zu lange, nicht mit der Tatsache klar,dass mein Kind „so etwas“ hat. Ich wusste seit August mit Sicherheit, dass es einedurchgehende nicht so schmale Spalte ist (fetales MR), konnte also nicht auf einen geschlossenen Gaumen hoffen. Eine verlässliche Hilfe war mir in dieser Zeit meine Frauenärztin, die mir wie auch in der ersten Schwangerschaft immer wieder mit viel Gespür und Hausverstand zur Seite stand. 

 

Die erste OP 

– Lippenverschluß – soll im April (6.LM)stattfinden, der Gaumenverschluß im 9.LM.Jedenfalls sind die Befürchtungen, ich könnte meinen Sohn womöglich so nichtannehmen nicht wahr geworden. Ich schaue ihn total gerne an, finde ihn entzückend. Mittlerweile kann ich auch Schilderungen anderer Eltern nachvollziehen, die die Besonderheit der Lippe ihres Kindes nach der OP vermissten – was mir vor der Geburt absurd und undenkbar erschien. Ich habe ganz viel Vertrauen in Paul, dass er alles, was er zu schaffen hat, souverän schaffen wird und es ist im Grunde nur unsere Aufgabe, ihm das zu ermöglichen.

 

Ulrike H., Linz im März 2011Nachtrag (Mai 2011): Der Lippenverschluß fand am 20.4.11 statt. Paul hat die Narkose und den Eingriffsehr gut überstanden und rasch wieder in seine vorherige Routine gefunden -trinken, spielen, schlafen.

Nachtrag 2 (September 2011):Paul hat am 20.7.11 den Gaumenverschluß in Salzburg gut hinter sich gebracht. Er wurde dank des erfahrenen und couragierten Teams (OA Schachner und Anästhesist) trotz einer nicht gänzlich abgeklungenen Mittelohrentzündung operiertund wurde diesmal postoperativ für 3h auf der Intensivstation überwacht. Das war für uns insofern angenehm, daß es einfach ruhiger als auf der Normalstation war und ich konnte ihn sofort nach dem ersten Aufwachen zu mir nehmen, wo er gleich noch für 1,5 weitere Stunden geschlafen hat. Dann durften wir auch schon ins normale Zimmer. Gleich die ersten Stillmahlzeiten (haben wie zuvor Mumi an der Brust mitFingerfeeder gestillt) waren sehr ermutigend, weil der kleine Held plötzlich schmatzen konnte und dies die halbe Nacht auch ausführlich tat...Wir konnten am 3. postoperativen Tag heimgehen - Ohr in Ordnung, trotzdem immerwieder anfiebernd, aber da nirgends dafür eine Ursache gefunden wurde trauten wiruns heim, wo Paul sich innerhalb weniger Tage super erholt hat! 

Wir allerdings waren allesamt sehr urlaubsreif als die Aufregung vorbei war und haben kurzerhand 2 Wochen in Griechenland verbracht. Das hat allen gut getan. Paul durfte natürlich nicht gleich wie zuvor weiteressen sondern mußte auf Festes verzichten. Die 2 Breiwochen hat er gut überstanden und in der Zwischenzeit fleißigSaugen geübt. Nach und nach habe ich das Pumpen und Zufüttern reduziert (vonzuletzt meist 6x pumpen auf 2-3 x innerhalb von etwa 5 Wochen). Immer wieder hatte ich meine Bedenken, aber es scheint einfach eine Frage der Geduld gewesen zusein und nach 6 Wochen trank Paul gänzlich ohne Hilfe.Anfangs ist es ihm immer wieder zu langsam gegangen, im Vergleich zum Zufüttern ist das ja auch mehr Arbeit. Mittlerweile ist er ein Saugnapf und genießtʻs, ausführlichzu trinken. Eine Weile habe ich noch abgepumpt ohne ihm die Muttermilch zuzufüttern um ganz sicherzugehen, daß die Milchproduktion nicht nachläßt. Das heißt nach gut 10 Monaten haben wir die vorerst größten Hürden hinter uns undich bin einfach nur froh und stolz auf uns alle - war ja Teamwork! Paul entwickelt sich nach der OP insgesamt rasant, hat Robben gelernt und freutsich ob der neu gewonnenen Freiheit, plaudert wunderbar vielfältig und ist einfachnur gut drauf...

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